Die Klangphilosophie

Von Harald Nickoll

A cappella Gesang (Singen ohne Instrumente) hat den Vorteil, dass man dem Intonationssystem der sog. „wohltemperierten Stimmung“ (deren Bezeichnung schöner klingt als sie selbst) den Rücken kehren und sich der „reinen Stimmung“ zuwenden kann.

Diese ermöglicht Singen im Naturklang unter Einbeziehung der natürlichen Obertöne.

Daraus resultiert ein anderes Grundprinzip in Bezug auf die Intonation. Die Möglichkeit Oktaven oder Quinten absolut „rein“ zu intonieren, eröffnet ein breiteres Klangspektrum. Auch die unterschiedliche Behandlung z.B. der Ganz- und Halbtöne verändert die Schwerkraft im Klang und verhindert weitgehend ein Absinken oder Steigen. Die Differenzierung der Intervallgrößen muss auch jenseits der Halbtongrenze (im mikrotonalen Bereich) Beachtung finden. Während bei den Terzen die Intonationsunterschiede ein fünftel eines Halbtons ausmachen können, sind die Unterschiede der anderen Intervalle nur als Nuance vernehmbar. Eine nach dem Obertonsystem ausgerichtete Klangfarbengestaltung vereinfacht den Klangtransport und verbessert die Tragfähigkeit. Das Obertonspektrum in den sehr hohen Frequenzbereichen (dort wo Einzeltöne nicht mehr differenzierbar sind) trägt entscheidend zur Leuchtkraft und Brillanz des Klanges bei. Die Abstimmung der vokalen Schwingungsmuster der Einzelstimmen sorgt für die Klangdichte.

Bei dieser Weise der Intonation werden die tonalen Beziehungen und Harmoniewechsel deutlicher, die Dissonanzen heben sich umso schärfer ab und der Wechsel von Spannung und Entspannung ist intensiver.

Carmina Mundi ist ein Ensemble, das sich diesem Naturphänomen verschrieben hat. Eine speziell darauf ausgerichtete Stimmbildung hat schrittweise zu dem heutigen Klangbild geführt. Dieses hörorientierte Chorsingen ermöglicht den Sängerinnen und Sängern ein intensiveres Kommunikationserlebnis im Klang.

Ich bin glücklich, einen Chor leiten zu dürfen, der meine Klangvisionen in hohem Maße mit mir teilt.